2008
| 30 Dez, 2007 | TAG CHECKER|Die Musik von Moses Pelham rettet Leben, sagt man und ich kann das bezeugen. Ich gehöre zu den Menschen, die mit harten Schicksalschlägen früh Bekanntschaft machten und die Vergangenheit nicht loslassen können. Es gibt bestimmt Menschen, die schlimmeres erlebt haben und eigentlich trägt jeder Mensch sein Paket "Leid, Kummer, Schmerz, Schuld und Angst" mit sich.
In meiner Jugend hörte ich zum ersten Mal ein Lied von RHP und dieses Lied berührte mich so tief. Es war so, als ob ich mein Leid teilen konnte und verstanden wurde - und viel mehr: das Lied gab mir Kraft, eine Kraft, um mich dem Leid zu stellen - aufrecht, mit Tränen oder einem Lächeln, aber standhaft und mit aufrechten Kopf.
Während der chilenischen Militärdiktatur töteten Geheimagenten meinen Vater, der massiven Widerstand gegen die Militärdiktatur ausübte und der unterdrückten Bevölkerung half. Nach seiner Ermordung mussten meine Mutter und ich nach Deutschland fliehen. Wir mussten unser Heimatland Chile verlassen. Wir flohen ins Exil. Nach Deutschland, damit uns nicht dasselbe Schicksal wie mein Vater ereilte.
Ich wurde in einem südamerikanischen Land geboren, unter der warmen Sonne und am Meer. Im Jahr 1981 landete unser Flugzeug in Deutschland. Einem Land, wo nicht nur das Wetter kalt ist. Meine Mutter war sehr jung, konnte kein Wort Deutsch und musste soviel ertragen. Wir verloren von einen Tag auf den anderen meinen geliebten Vater. Wir mussten alles zurücklassen was wir liebten. Mein Zuhause, meine Spielsachen, mein Hund, meine Familie, meine Freunde, meine Heimat, meine Sprache... alles - und Deutschland im Jahr 1981 ist nicht wie das heutige Deutschland. Eine lange Zeit waren wir auf Achse, wir lebten mit der Angst von irgendwelchen Entführern (früher war es in Mode Kinder von politischen Gegnern zu entführen), Killern oder sonstwas verfolgt zu werden. Wir durften mit Essensmarken in Supermärkten bezahlen und uns als Menschen 2.Klasse fühlen. Im Kindergarten, in der Schule - überall war ich ein Aussenseiter und das hat sich bis heute nicht geändert. Manchmal wurde ich gehänselt, manchmal mit offenen Armen empfangen. Eine lange Zeit habe ich als Kind aufgehört zu sprechen, ich habe mich dann nur noch durch Zeichnungen verständigt... ich vermisse bis heute meinen tollen Schäferhund Rina aus Chile. Sie liebte mich und beschützte mich immer. Während der chilenischen Diktatur kamen eines Tages Polizisten in unser Haus. Mein Schäferhund sprang über einen 3 Meter hohes Tor, um mich vor den Polizisten zu beschützen. Die Polizisten drohten mein Hund zu erschießen. Sowas vergißt man nicht... Ohne Vater aufzuwachsen, im Exil groß zu werden, anders als alle anderen auszusehen, arm zu sein, eine total andere Kultur zu haben und die Kälte nicht ertragen zu können macht es einen Kind nicht leicht. Aber Dank der Liebe und den Schutz meiner Mutter und von vielen Freunden bin ich stark geblieben, habe ich nie Drogen angerührt oder schlimmeres getan. Im Gegenteil, ich versuchte ein guter Mensch und ein guter Sohn zu werden... heute glaube ich sogar ganz fest an Gott, denn ich bin so stark davon überzeugt, dass ohne Gottes Liebe und Schutz ich sovieles nicht überlebt hätte. Wahre Wunder habe ich in meinen Leben erfahren und dies bestärkte und untermauerte meinen Glauben absolut. Ich weiß, das es Gott gibt und diese Wahrheit kann mir niemand und nichts nehmen.
Aber trotz Glaube und starken Schutz trug ich und trage ich immer großes Leid in mir. Die ersten Lebensjahre und die Kindheit prägt das ganze Leben eines Menschen. Aber was passieren muss musste passieren - und vielleicht wäre ich ohne das Leid und die Verluste niemals zu den Menschen geworden, der ich jetzt bin und hätte nicht die Wahrheiten des Lebens erfahren, die ich jetzt in meinen Herzen trage.
Die Jahre vergingen und ich wuchs zu einen jungen Mann heran. Bekam zwei Schwestern, die ich über alles liebe. Meine Mutter war und ist eine alleinerziehende Mutter und hat wirklich verdammt gute Arbeit geleistet. Meine beiden jüngeren Schwestern sind Engel. Meine ältere Schwester ist dunkelhäutig und sie wuchs in einer Welt von Weißen auf - auch sie hatte es nicht leicht, denn auch sie ist ohne Vater aufgewachsen. Jetzt ist sie glücklich verheiratet und bekommt ihr erstes Baby. Meine kleine Schwester ist behindert. Sie ist Autistin und hat eine Menge körperliche Einschränkungen. Die ersten Jahren waren nicht leicht. Die Ärzte sagten, sie würde nicht älter als 3 Jahre alt werden. Heute ist sie 15, doch der Kampf war hart. Als sie ein Baby und Kleinkind war konnte sie jede Sekunde ersticken, ich glaube keiner schlief richtig in der Zeit, oder hatte eine ruhige Sekunde. Mir wäre sie schon paarmal in meinen Armen gestorben - ich sage euch, sowas zu erleben prägt und ich wünsche es niemanden. Ein so kleines unschuldiges schönes Kind im Arm zu halten, dass die eigene Schwester ist und sie ist dabei zu ersticken - und man ist so gut wie hilflos. Zum Glück geht es ihr heute wesentlich besser, aber die Angst sie zu verlieren, oder das es ihr schlecht gehen könnte ist immer da.
Ach, es sind so viele andere Dinge in meinen Leben passiert, die sehr schmerzhaft waren - Tod, Verluste, Krankheiten und Liebeskummer etc. ... und in all dieser Zeit hat mir die Musik von Herrn Moses Pelham geholfen. Kein Wunder das seine Soloalben GETEILTES LEID heißen, das er XAVIER NAIDOO entdeckt hat und die Band GLASHAUS gegründet hat. Seine Texte sprechen mir oft aus der Seele und es ist wie Magie. Wenn es mir schlecht geht, dann greife ich zu seiner Musik. Deswegen steht in meinem Herzen:
"Gott sucht gerechte Männer, die das Böse hassen..."
ps: wie Robin Hood immer sagte: Nichts ist vergessen, nichts wird jemals vergessen...










